Der Quirinus-Kuhlmann-Preis für komische Literatur an Thomas Brussig
Eine Auszeichnung für Literatur, die komisch wurde, ohne es vorgehabt zu haben.
Im Jahr 2008 lobte der EXOT den „Quirinus-Kuhlmann-Preis für versehentlich komische Literatur“ aus. Die Preisverleihung fand in feierlichem Rahmen am 20. Dezember 2008 im Kult 41 in Bonn statt. Erster Preisträger war der deutsche Schriftsteller Thomas Brussig, geehrt für seinen Roman „Berliner Orgie“. Zur Feier des Tages verlas Olaf Guercke zu Ehren des Kühlmonarchen dessen 62. Kühlpsalm.
Was der Quirinus-Kuhlmann-Preis auszeichnete
Komische Literatur, die komisch sein will, hat es vergleichsweise leicht: Sie darf scheitern, und das Scheitern ist eingepreist. Interessanter ist der andere Fall – ein Text, der mit vollem Ernst antritt, jede Pointe von sich weist, und dann doch die Leserin oder den Leser zum Lachen bringt. Genau dieser Fall war die Fundstelle, die der Preis würdigte.
Die Pointe ist dabei nicht die Häme. Versehentliche Komik entsteht fast immer aus einem Überschuss: aus zu viel Aufrichtigkeit, zu viel Pathos, zu viel Vertrauen in die eigene Formulierung. Wer sie findet, findet zugleich einen Autor, der etwas riskiert hat. Der Preis war deshalb weniger ein Verriss als ein sehr genauer Lesevorgang – und er verlangte von der Jury dieselbe Aufmerksamkeit, die man einem gelungenen Gedicht widmet.

Thomas Brussig, der erste Preisträger
Geehrt wurde Thomas Brussig für seinen Roman „Berliner Orgie“. Der Preis für versehentlich komische Literatur ging damit an einen Autor, der das Komische durchaus beabsichtigt – die Jury fand das Versehen an anderer Stelle, und genau darüber wurde an dem Abend gestritten.
Quirinus Kuhlmann, der Namensgeber
Quirinus Kuhlmann, geboren 1651 in Breslau, ist für diese Rolle eine Idealbesetzung. Er war Barockdichter, Mystiker und Prophet in eigener Sache, und er war von seiner weltgeschichtlichen Bedeutung vollständig überzeugt. Sein Hauptwerk, der „Kühlpsalter“, erschien ab 1684 in mehreren Büchern und treibt den Sprachfuror des Barock an eine Grenze, hinter der nur noch Kuhlmann selbst stand: Wortneuschöpfungen, Zahlenmystik, ekstatische Wiederholungsketten und ein Ich, das sich abwechselnd als Kühlmonarch, Jesuelit und Werkzeug Gottes anspricht.
Das Wortspiel mit dem eigenen Namen – Kuhlmann, Kühlpsalter, Abkühlung der Welt – zieht sich durch das ganze Werk und ist keine Koketterie, sondern Programm. Kuhlmann reiste durch halb Europa, um Fürsten und Sultane von seiner Sendung zu überzeugen. 1689 wurde er in Moskau als Ketzer verbrannt. Was bleibt, ist ein Werk, das zugleich unlesbar und unwiderstehlich ist: Es meint jedes Wort ernst, und genau deshalb lacht man.
Versehentlich komische Literatur als Fundstelle
Der Quirinus-Kuhlmann-Preis für versehentlich komische Literatur suchte nicht das gelungene Bonmot, sondern den Text, der beim Lesen kippt. Das ist eine andere Aufmerksamkeit als die übliche: Man liest genau, man liest wohlwollend, und man merkt erst spät, dass man lacht.
Warum die Verleihung in Bonn stattfand
Verliehen wurde der Quirinus-Kuhlmann-Preis nur dieses eine Mal. Das Kult 41 war in jenen Jahren einer der Orte, an denen sich die Bonner Lesebühnen- und Poetry-Slam-Szene traf – ein selbstverwaltetes Zentrum mit Bühne, kurzen Wegen und geringer Hemmschwelle. Für eine Auszeichnung, die ihre eigene Feierlichkeit mitparodiert, war das der passende Rahmen: genug Bühne für eine Laudatio, genug Publikum für ein Missverständnis, und kein Anlass, sich für eine der beiden Möglichkeiten zu entscheiden.
Was vom Quirinus-Kuhlmann-Preis geblieben ist
Der Preis ist, soweit die Unterlagen der Zeitschrift es hergeben, ein einmaliges Ereignis geblieben. Er passt trotzdem genau in das Programm, das EXOT über neunzehn Ausgaben verfolgt hat: die Wiederentdeckung von Autoren, die freiwillig oder unfreiwillig komisch waren und nicht mehr auf dem Buchmarkt präsent sind. Neben Kuhlmann gehörten dazu Hermann Harry Schmitz und Kurt Kusenberg – Namen, die man in keiner Schulanthologie findet und nach denen man, einmal auf sie gestoßen, in jedem Antiquariat sucht.
Noch mehr Absicht.
Zwei weitere Projekte, die EXOT
über das Heft hinaus betrieben hat.
- ↗2007–2010
Die Buergelmaschine
Ein Generator, der zu jedem Bild eine Kunstkritik schrieb – und damit den Jargon des Kunstbetriebs so genau traf, dass er abgeschaltet werden musste.
- ↗2006–2007
Das Paulusprojekt
Ein Aufruf im Andenken an Robert Gernhardt, der fast 2.000 neue Paulusbriefe hervorbrachte.
Häufige Fragen
Wofür wurde der Quirinus-Kuhlmann-Preis vergeben?
Für versehentlich komische Literatur – also für Texte, die ihre komische Wirkung nicht beabsichtigt hatten. Ausgezeichnet wurde nicht die Absicht, sondern das Ergebnis.
Wer war der erste Preisträger?
Der Schriftsteller Thomas Brussig, geehrt für seinen Roman „Berliner Orgie“. Die Verleihung fand am 20. Dezember 2008 im Kult 41 in Bonn statt.
Wer war Quirinus Kuhlmann?
Ein schlesischer Barockdichter und Mystiker, geboren 1651 in Breslau. Sein „Kühlpsalter“ gilt als eines der eigenwilligsten Werke der deutschen Barockliteratur. 1689 wurde er in Moskau als Ketzer verbrannt.
Warum trägt ein Komikpreis seinen Namen?
Weil Kuhlmann der Prototyp des versehentlich komischen Autors ist: von sich selbst zutiefst überzeugt, sprachlich überdreht, jeder Selbstironie unverdächtig – und gerade darum bis heute erheiternd.
Wurde der Preis noch einmal vergeben?
In den überlieferten Unterlagen der Zeitschrift ist nur die Verleihung von 2008 dokumentiert. Nach dem Ende von EXOT im Jahr 2015 ist der Preis nicht wieder ausgeschrieben worden.