ARCHIV EINER ZEITSCHRIFTLITERATUR MIT EIGENSINN. UND EIN BISSCHEN UNFUG.
EXOT
PROJEKT / 2006–2007

Das Paulusprojekt – eine Sammlung und ihr Ende

Fast zweitausend Reime an Völker, die Paulus übersehen hatte. Und dann ein Serverabsturz.

Wer kennt Robert Gernhardts Paulusbriefe an die Völker der Neuen Welt? Alle wieder? Was frag ich auch. Es geht um Zweizeiler dieser Bauart:

Paulus schrieb an die Apatschen:
Ihr sollt nicht nach der Predigt klatschen.

Oder auch:

Paulus schrieb an die Komantschen:
erst kommt die Taufe, dann das Plantschen.
Mittelalterliche Buchmalerei des Apostels Paulus mit Schriftrolle, aus einer Handschrift der Stiftsbibliothek St. Gallen.
Apostel Paulus, Stiftsbibliothek St. Gallen · Wikimedia Commons, gemeinfrei

Eine Lücke in der Überlieferung

Leider sind die Paulusbriefe nur sehr unvollständig erhalten und obendrein scheinbar ausschließlich an einige Stämme amerikanischer Ureinwohner gerichtet. Die Völker der Goten, Friesen, Aborigines, Yanomami, Liliputaner, Yahoos und viele andere mussten darauf verzichten, vom großen Paulus zum richtigen Glauben angehalten und vom großen Gernhardt mit den richtigen Worten bedacht zu werden.

Um diese Ungerechtigkeit zu beheben, rief EXOT im Jahr 2006 dazu auf, Paulusbriefe an sämtliche Völker zu verfassen, die je auf dieser Erde wandelten – oder auch nur irgendein Gedankengebäude bewohnten. Robert Gernhardt hätte es gefallen; er hatte sich zu Lebzeiten Nachruhm und Epigonentum mit gutem Recht ausdrücklich gewünscht. Auch die Titanic rief damals zum Mitmachen auf.

Warum gerade Gernhardt

Robert Gernhardt starb im Juni 2006, im selben Jahr, in dem der Aufruf erging. Er war Lyriker, Zeichner und einer der Mitbegründer der Titanic – also gleichzeitig in allen drei Disziplinen zu Hause, die EXOT zusammenbringen wollte. Dass ein Heft für komische Literatur ihn nicht mit einem Nachruf ehrte, sondern mit einer Aufgabe, passt zu beiden Seiten.

Die Paulusbriefe eignen sich dafür besonders gut, weil ihre Form so streng ist: zwei Zeilen, ein Reim, ein Volk, eine Ermahnung. Wer mitmacht, kann sich nicht hinter Länge verstecken. Die Pointe muss in die zweite Zeile, oder sie ist nicht da.

Die größte Sammlung ihrer Art

Mithilfe eines Eingabefelds wurden die neuen Paulusbriefe zahlreicher begeisterter Glaubensbrüder und -schwestern im Internet säuberlich kanonisiert, und auch entfernteste Völker wurden mit stärkenden Reimen bedacht. Insgesamt kamen zwischen 2006 und 2007 fast 2.000 Briefe zusammen – eine Bibliothek, die als die weltgrößte Sammlung an Paulusbriefen bezeichnet werden darf.

Und dann

Dann aber crashte unter mirakulösen Umständen der Server, und all die schönen Briefe landeten, wohl auf Geheiß des altbösen Feindes, im Orkus. Die Redaktion kündigte an, den Aufruf eines Tages zu erneuern, „auf dass aus allen Himmelsrichtungen die Epistel angeschossen kommen“. Dazu ist es bis zum Ende der Zeitschrift nicht mehr gekommen. Es bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei – welche davon am größten ist, blieb in der Ankündigung ausdrücklich offen.

NOCH FRAGEN?

Häufige Fragen

Was war das Paulusprojekt?

Ein Aufruf der EXOT-Redaktion aus dem Jahr 2006, Robert Gernhardts Paulusbriefe fortzusetzen und Briefe an sämtliche Völker zu verfassen, die je auf dieser Erde wandelten.

Was sind Paulusbriefe bei Gernhardt?

Zweizeilige Reime nach dem Muster „Paulus schrieb an die Apatschen: / Ihr sollt nicht nach der Predigt klatschen.“ Sie stehen in seinem Band „Wörtersee“.

Wie viele kamen zusammen?

Zwischen 2006 und 2007 fast zweitausend – nach Einschätzung der Redaktion die weltgrößte Sammlung an Paulusbriefen.

Warum sind sie heute nicht mehr zu lesen?

Der Server stürzte ab, und die Sammlung war verloren. Die Redaktion kündigte an, den Aufruf eines Tages zu erneuern; dazu ist es vor dem Ende der Zeitschrift nicht mehr gekommen.

Wer war Robert Gernhardt?

Einer der wichtigsten Autoren der Neuen Frankfurter Schule, Lyriker, Zeichner und Mitbegründer der Satirezeitschrift Titanic. Er starb 2006, im selben Jahr, in dem der Aufruf erging.

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ENDE. ABER NICHT SCHLUSS.

Was hier steht – und was nicht.

Diese Seiten dokumentieren die Literaturzeitschrift EXOT, die von 2005 bis 2015 in 19 Ausgaben erschien. Sie werden weder von der ehemaligen Redaktion noch von einem der beteiligten Verlage betrieben. Rechte an den historischen Texten und Illustrationen liegen bei den jeweiligen Urheberinnen und Urhebern.

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